«Ich blicke auf zwölf erfolgreiche Jahre zurück.»

Fast vierzig Jahre lang habe ich mich in der Gemeindepolitik engagiert. Während den letzten siebzehn Jahren kommentierte ich das politische Geschehen in Reinach und in der Nordwestschweiz in meinem Blog. Nach meinem Rücktritt als Gemeindepräsident bin ich wieder ausschliesslich Privatperson und habe mich – mit Ausnahme des folgenden Interviews – nicht mehr zum politischen Geschehen geäussert. Das wird auch so bleiben. Mit dem folgenden Beitrag schliesse ich meinen Blog.

Herr Hintermann, Sie waren seit Wochen unter Druck, was gab den Ausschlag für Ihren Rücktritt.
Die Erkenntnis, dass die Situation so verfahren ist, dass ein konstruktives Miteinander ohne Befreiungsschlag nicht mehr möglich ist.

Ein Abschied in Bitterkeit?
Nein. Ein Abschied mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich blicke auf zwölf erfolgreiche Jahre zurück, in der wir viel erreicht haben für die Gemeinde. Die vielen Emails, Briefe und Telefonanrufe, die ich in den letzten Tagen aus der Bevölkerung, aber auch von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erhalten habe, bestätigen mir, dass sich der Einsatz in den letzten zwölf Jahren gelohnt hat. Das weinende Auge betrifft weniger meine Person, als generell die Vorgänge, die sich zuletzt in Reinach abgespielt haben. Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, was die mediale Hetzjagd eines einzelnen Journalisten in der Gemeinde ausgelöst hat.

Sie haben die Medienkritik nicht verdaut?
Darum geht es nicht. Ich kann sehr gut mit Kritik leben, das gehört zu meinem Amt. Es ist die Tatsache, dass sich politische Akteure unter dem Eindruck einer medialen Kampagne zu Äusserungen und Handlungen hinreissen lassen, die ich als problematisch und inakzeptabel erachte.

Zum Beispiel?
Wenn Mitglieder von Prüfungsbehörden Vorgänge öffentlich kommentieren und schon wissen, wer richtig und wer falsch gehandelt hat, bevor sie überhaupt mit den Prüfungen begonnen und mit beiden Seiten gesprochen haben, dann stelle ich natürlich die Frage: Wie wollen diese Akteure jetzt noch eine unabhängige und neutrale Prüfung eines Sachverhalts durchführen? Offenkundig haben sie sich ja schon eine Meinung gebildet. In einem Gerichtsverfahren würde ein Richter, der sich so etwas leistet, sofort wegen Befangenheit ausgewechselt.

Sie sprechen den SP-Fraktionschef Maeder an.
Ich will gar keine Namen nennen. Ich war und bin erstaunt, wie viele sich eine Meinung anmassen anhand einiger hochgradig tendenziöser Zeitungsartikel. Oder öffentlich Vorgänge kritisieren, die an sie herangetragen worden sind, ohne dass sie die Details kennen. Das erschreckt mich und hat mich in diesem Ausmasse auch überrascht.

Aber mit Ihrem Rücktritt überlassen Sie diesen Akteuren das Feld jetzt komplett.
Und dieser Aspekt war es auch, der mich lange zögern liess. Ich bin nicht der Mensch, der vor Problemen davon läuft und Kollegen und Mitarbeitende im Stich lässt. Niemand der Verantwortung trägt überlässt seinen Nachfolgern gerne ein ungelöstes Problem. Natürlich ist mein Schritt mit dem Wunsch verbunden, dass ein Ruck durch die Gemeinde gehen möge. Und dass einige den Plausibilitätstest machen und beginnen, Fragen zu stellen. Etwa die, warum denn eine ganze Verwaltung bis zum Gemeindepräsidenten angebliche Missstände hätte unter den Tisch wischen sollen? Welchen Sinn hätte das gemacht?

Man gibt halt nicht gerne zu, dass im eigenen Haus nicht alles in Ordnung ist.
Unsinn. Jeder Verantwortliche weiss doch, dass das früher oder später auf den Tisch kommen würde. Wenn die Vorgesetzten zur Überzeugung gekommen wären, ein Mitarbeiter habe eine Straftat begangen: Warum hätte er diese Person decken sollen? Und nicht nur er, sondern die ganze Verwaltungslinie aufwärts? Das macht doch alles keinen Sinn, wenn man einmal einen Schritt zurücktritt und die Sachlage nüchtern betrachtet und die Plausibilität der Darstellung hinterfragt.

Der Fall ist ein gefundenes Fressen für alle Parteien: Ein SP-Gemeindepräsident im Streit mit einer Gemeinde-Mitarbeiterin, die SP-Einwohnerrätin in der Gemeinde ist.
Natürlich. Und da wird sich meine Partei schon die Frage gefallen lassen müssen, ob sie nicht komplett naiv in eine Falle getreten ist, zumal diese Mitarbeiterin und Einwohnerrätin gar nie Mitglied der SP war.

Die Leserbriefe in der BaZ waren ziemlich einhellig gegen Sie. Tut das nicht weh?
Leserbriefe in der BaZ sind nicht repräsentativ. Ich weiss von den vielen direkten Rückmeldungen, dass sehr viele Leute hinter mir stehen und das Vorgehen dieser Zeitung verurteilen – leider machen sie dies meistens nur im Stillen und nicht öffentlich. Zwei Dinge beschäftigen mich aber: das ist einerseits der Grad an Aggression, der einen zum Teil aus diesen Lesermeinungen entgegen schwappt. Wie schnell sich einzelne Leserinnen und Leser ein Urteil machen, ohne Fakten zu kennen. Das beunruhigt mich im Hinblick auf die wichtigen politischen Fragen, über die wir immer wieder abstimmen. Die zweite Frage betrifft die Verantwortung und die Macht der Medien. Gegen eine Kampagne, wie wir sie in den letzten Monaten erlebt haben, kann man sich kaum wehren. Das Gegendarstellungsrecht verkommt zur Farce, wenn es Wochen dauert, bis eine solche erscheint. Und wenn in über 20 Artikeln immer wieder die gleichen Unwahrheiten wiederholt werden, dann bleibt einfach etwas hängen.

Sie sind enttäuscht von Ihrer eigenen Partei?
S
agen wir es so: Das Verhalten einiger Fraktionsmitglieder hat mich sehr getroffen. Dass Menschen vorverurteilt werden und dass Gemeinderatsmitglieder in einer Einwohnerratssitzung ausgelacht werden ist für mich nicht akzeptabel und schon gar nicht, wenn diese der eigenen Partei angehören.

Sie sind immer noch überzeugt, alles richtig gemacht zu haben?
Das habe weder ich noch der Gemeinderat je behauptet. In einem solchen Konflikt machen alle Seiten Fehler, mich eingeschlossen. Deshalb hat der Gemeinderat ja auch schon vor Wochen von sich aus beschlossen, durch eine externe Untersuchung klären zu lassen, was er in Zukunft besser machen könnte. Wir haben bisher kaum nennenswerte Arbeitskonflikte gehabt und wenn es solche gab, dann haben wir sie intern und zivilisiert gelöst. Aus dem Ruder gelaufen ist der jetzige Konflikt erst dadurch, dass er in die Medien getragen und dort skandalisiert wurde. Von diesem Moment an hatten wir keine Chance mehr, eine vernünftige Lösung zu finden. Sogar der Presserat hat die Berichterstattung der BaZ verurteilt. Die Stawa hat bestätigt, dass wir keine Straftaten gedeckt oder verheimlicht haben und dass es zu keiner strafbaren Handlung gekommen ist. Nichts desto trotz müssen wir uns kritische Fragen stellen: Hätte man die Eskalation verhindern können? Haben alle Vorgesetzten immer schnell und kritisch genug geprüft? Hätten wir uns früher und professioneller gegen die Medienkampagne der BaZ wehren können?

Wieviel hat Ihre gesundheitliche Situation zu Ihrem Entscheid beigetragen? Es gingen Gerüchte um, sie hätten einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten.
Es trifft zu, dass ich am Tag vor der Einwohnerratssitzung eine Streifung erlitten habe. Es geht mir aber wieder gut und meine Gesundheit war nicht ausschlaggebend. Tatsache ist aber, dass mir der Zwischenfall Zeit gegeben hat, um viel nachzudenken. Dabei ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen Gemeinderat, Einwohnerrat und Verwaltung, so wie wir sie zwölf Jahre lang gelebt haben, entscheidend war für die Entwicklung und das Wohlergehen unserer Gemeinde. Und es ist mir klar geworden, dass es ein deutliches Signal braucht, damit sich wieder alle Akteure darauf besinnen, kritisch, aber konstruktiv zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, mit meinem Rücktritt den Weg dazu freizumachen.

Nachtrag: Ein Leserbrief, der mich sehr gefreut hat:LB Mitarbeitende 170928.