Schiffbruch auf dem Festland?

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Im Fokus der diesjährigen Reinacher Gesprächen stand das Thema «Schiffbruch auf dem Festland? Der weite Weg von der Flucht ins Asyl». Gemeinsam mit Referentinnen und Referenten aus Wirtschaft, Gemeinden, Kantonen und Universität Basel wurde diskutiert, welche asylpolitischen Handlungsmöglichkeiten bestehen und wie die Integration von Asylsuchenden gelingt.

Über 130 Gäste aus Reinach und den umliegenden Gemeinden drängten am Mittwochnachmittag in das Gemeindehaus Reinach. Sie waren der Einladung zur jährlichen Tagung in Reinach, den so genannten Reinacher Gesprächen, gefolgt. Dieses Jahr stand das Thema Asyl im Fokus. Meine Erwartung an die diesjährige Veranstaltung: Die Reinacher Gespräche tragen dazu bei, dass das Thema sachlich und pragmatisch angeschaut wird. Es sollte um Fakten und nicht um Pauschalisierungen gehen, um Menschen und nicht um Stereotype. Dazu muss meines Erachtens die Diskussion in eine neue Richtung gelenkt werden. Derzeit diskutieren wir oft nur logistische Probleme: Was machen wir mit den Flüchtlingen, welches Land nimmt wie viele auf, etc. Viel wichtiger aber ist doch die Frage, wie wir diese Menschen nicht nur aufnehmen sondern auch langfristig integrieren können. Die aufgenommenen Menschen in die sozialen Strukturen vor Ort einzubetten, ist auch eine wichtige Aufgabe der Gemeinden.

Kurzfilm zu integrierten Familien in Reinach
Dass diese Integration durchaus gelingen kann, zeigten drei zehnminütige Filmsequenzen, welche die beiden Kunststudentinnen Vanessa Gygax und Sophie Buscetta im Auftrag der Gemeinde gedreht haben. Vorgestellt werden Familien und Einzelpersonen, die vor mehreren Jahren Asyl beantragt haben und mittlerweile in Reinach eine zweite Heimat gefunden haben. So beispielsweise die 42-jährige Sunila Sakizada, die vor sechs Jahren mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet ist. Auf der Flucht hätten sie nur das Nötigste dabei gehabt, «ein Paar Hosen für meine Tochter und zwei Pampers» erzählt sie im Film. Auch die drei Geschwister Sharaheh, Hero und Parmiz erzählen in gebrochenen Deutsch ihre Geschichte. Sie haben eine 20-tägige Flucht aus dem Iran hinter sich und warten seit 11 Monaten im Asylheim in Reinach auf ihren Entscheid. «Der Film zeigt die Menschen hinter dem Schlagwort ‚Flüchtling‘», so Vanessa Gygax.

Besondere Situation der jugendlichen Flüchtlinge
Acht Referentinnen und Referenten machten in den folgenden vier Stunden deutlich, wie komplex das Asylsystem der Schweiz ist und dass die grössten Herausforderungen oft erst nach dem Aufnahmeentscheid auf die Asylsuchenden zukommen. Insbesondere der Erwerb der deutschen Sprache, die Einbettung in hiesige soziale Strukturen und Erwerbsmöglichkeiten seien für eine erfolgreiche Integration zentral, so der Tenor. Beat Meyer, Leiter des Amtes für Migration im Kanton Baselland, erklärte das Asylverfahren in der Schweiz und liess das Publikum fiktiv über Asylgesuche abstimmen, um zu zeigen, wie schwer diese Entscheide fallen können. In den letzten Jahren hätten insbesondere die Zahlen von Flüchtlingen aus Afghanistan und Eritrea zugenommen. Darunter seien auffällig viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA), fast achtmal mehr als noch vor fünf Jahren. Welche Schwierigkeiten sich für diese Jugendlichen stellen, zeigte das Referat von Pascal Brenner. Der engagierte Geschäftsführer des Zentrums Erlenhof stellte die Aufgaben des Jugendheims vor und betonte, dass die UMA oft nicht nur Traumata, eine schlechten körperlichen Verfassung und Sprachprobleme zu überwinden hätten. «Man darf nicht vergessen, dass es sich hier um Jugendliche handelt, die ganz genau wie Schweizer Teenies auch noch mit dem Erwachsenwerden zu kämpfen haben». Brenner betonte auch, dass die Schweiz schon grössere Flüchtlingsströme bewältigt habe und ein Land mit langer Fluchterfahrung sei. «Was wir jetzt erleben ist nichts Ungewöhnliches, das Thema ist einfach sehr präsent». Für ihn sei wichtig, dass sich Politik und Praxis mit der Frage auseinandersetzten, wie wir in Zukunft miteinander leben möchten. «An der Geburtstagsfeier meiner Enkeltochter werden dunkelhäutige Kinder vertreten sein» sagte Brenner und machte damit deutlich, dass die jetzt aufgenommenen UMAs in der Schweiz bleiben werden und einst Teil unseres sozialen Lebens sein werden. Es sei deshalb wichtig, dass schon jetzt die Weichen für ein gutes Miteinander gestellt würden.

Erfolgreiche Integrationsprogramme in den Gemeinden
Die Sicht der Gemeinden präsentierten Heidi Frei, Gemeinderätin in Münchenstein, und Beat Loosli, der die Abteilung Soziales und Gesundheit der Gemeinde Reinach leitet. In Münchenstein wird derzeit das Integrationsprogramm «Look out» getestet, dass sich speziell an aus Eritrea Geflüchtete richtet. Die Integration der Aufgenommen sei eine vielseitige Aufgabe, welche die Gemeinden aber meistern könnten, so Frei. «Es gibt viel zu tun und wir packen es an» so ihr Schlusswort. Loosli berichtete anschliessend über die Integrationsmassnahmen in Reinach und ergänzte, dass nebst dem Spracherwerb auch die berufliche Integration wichtig sei. Niederschwellige Arbeitsstellen seien aber oft nur begrenzt vorhanden, was Angebote wie «Lookout» umso bedeutsamer mache. In Grafiken zeigte er auf, welche finanziellen Beiträge Asylsuchende in Reinach gesprochen bekommen. Pro Person sind das gerade mal 412 CHF im Monat, mit denen alle Ausgaben – auch Rechnungen, Arztkosten und Versicherungen - gedeckt werden müssen. «Mit Blick auf diese Zahlen kann ich nicht verstehen, dass ich immer noch Anrufe von Bürgerinnen und Bürger erhalte, die sich darüber beschweren, dass Asylsuchende zu viel Geld erhielten und gegenüber Sozialhilfebeziehenden bevorteilt würden», so Loosli. Das Sozialhilfegesetz schreibe einen Grundbedarf von 986 CHF pro Monat fest.

Sprache hat Schlüsselfunktion
Laura Kroter, welche das Kursangebot des Ausländerdienstes Baselland verantwortet, betonte die Bedeutsamkeit der Sprache. Viele Asylbewerben seien aber Analphabeten oder litten an Illettrismus. Hinzu komme, dass sich manche Ausländerinnen und Ausländer das Lernen einer neuen Sprache nicht zutrauen würden: «Hier kommt es darauf an, ob man an das lebenslange Lernen glaubt oder nicht», so Kroter. Es sei aber besonders wichtig, dass Asylsuchende möglichst schnell mit der deutschen Sprache vertraut würden. «In der Schweiz ist das mit dem Schweizerdeutsch und den verschiedenen Dialekten eine besondere Herausforderung». Die Flüchtlinge müssten erst lernen, dass es einen Unterschied zwischen dem in den Kursen gelernten Hochdeutsch und dem in der Bevölkerung gesprochenen Schweizerdeutsch gebe, was den Lernprozess verzögere. Der Arbeitsmarktökonome Dr. Simon Wey vom Schweizerischen Arbeitgeberverband hielt fest, dass in der Betreuung von Asylsuchenden grosse kantonale und regionale Unterschiede bestünden. Das Erlernen der deutschen Sprache sei zentral, um die Asylsuchenden in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Es müsse aber auch eine kulturelle Integration erfolgen. «Dazu gehört auch, dass sie sich an die Schweizerische Arbeitskultur gewöhnen, zum Beispiel Pünktlichkeit oder die 9-Uhr-Pause», so Wey. Der Arbeitgeberverband befürworte Massnahmen für eine niederschwellige Integration, zum Beispiel Kurzpraktika oder die Förderung von selbstständigen Erwerbstätigkeiten.

Toleranz auf beiden Seiten
Im Anschluss referierte Jürg Brechbühl, Geschäftsleiter der Vebego AG, die schweizweit tätig ist und 6000 Mitarbeitende beschäftigt. Die Mehrzahl dieser Mitarbeitenden sind Flüchtlinge. Es brauche Toleranz und Akzeptanz von beiden Seiten, wenn Integration gelingen solle, so Brechbühl. Stolz präsentierte er eine Integrations-Erfolgsgeschichte: Die Familie Klimenta sei 1993 in die Schweiz geflüchtet. Mittlerweile habe sich der Vater vom Reiniger bis hin zum Sektorleiter hochgearbeitet und trage nun die Verantwortung für 100 Mitarbeitende. Die Mutter sei seit Jahren Reinigerin bei der Verbego AG und beide Söhne haben beim Unternehmen eine Gebäudereinigerlehre abgeschlossen. «Wir leisten seit Jahren Integrationsarbeit, einfach ohne Subventionen», hielt Brechbühl fest und erntete grossen Applaus.

Kriege als Geldquellen
Die Veranstaltung schloss mit einem Referat der Professorin Bilgin Ayata, die an der Universität Basel politische Soziologie lehrt. Sie stellte die historischen Bedingungen der heutigen Entwicklungen und die die transformative Kraft von Migrationsströmungen vor. So gebe es beispielsweise in Basel eine grosse alevitische Gemeinde, die stark politisch tätig sei und so auch viel mitgestalte. Sie betonte in ihrem Referat auch, dass die Wahrung von Grenzen nicht nur stark mit der Bildung und Sicherung von Nationalstaaten zusammenhänge, sondern auch ein «Big Business» geworden sei. «Die EU gibt jährlich 1 Milliarde für den Grenzschutz aus und um Flüchtlinge abzuhalten – genauso viel investieren die Flüchtlinge jährlich, um nach Europa kommen zu können.» Auch mit Waffenexporten würden europäische Länder viel verdienen, was nicht zur Entschärfung der Konflikte beitrage.

Der Anlass endete mit einer Podiumsdiskussion und einem Apéro, das mit Köstlichkeiten aus dem Iran, aus Sri Lanka und aus Äthiopien wartete. Zubereitet hatten die Speisen drei Bewohnerinnen aus dem Reinacher Asylheim.

Referate: Tagungsunterlagen-RG16.

Interessanter Artikel zum Thema schweizweit: NZZ_161103_Fluechtlinge.

Medienecho: Gemeinde-TV.