Reinacher Preis 2013 geht an Jürgen Hübscher

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ürgen Hübscher hat in Reinach als Musiklehrer und Schöpfer des Ensembles „La Volta“ mit jungen Musikbegeisterten neue Töne in der Musik angeschlagen und damit weltweite Erfolge gefeiert. Die Gemeinde Reinach ehrt ihn nun mit dem Reinacher Preis 2013.

In Deutschland geboren und aufgewachsen, hat Jürgen Hübscher schon früh seine Leidenschaft für die Musik entdeckt. Ein Duisburger Dirigent hatte den in der Schule unglücklichen jungen Mann gefördert und ans Konservatorium geschickt, wo er Gitarre studieren sollte. Als Hübscher jedoch ein Lautenkonzert mit Musik von J. S. Bach hört, ist er so begeistert, dass fortan nicht nur die Laute, sondern auch der deutsche Komponist zu seinen Favoriten gehörte.

Studium der Laute und Unterricht in jungen Jahren
Neben seinem Lautenstudium unterrichtet Jürgen Hübscher in Köln, lernt, wie er die Musik seinen Schülerinnen und Schülern näher bringt. Auch beschäftigt er sich jahrelang mit zeitgenössischer Musik, spielt Volksmusik aus Europa und Lateinamerika, Jazzmusik und auch Popularmusik. Da Basel neben Köln zu der Zeit der einzige Ort war, an dem man Laute studieren konnte und er noch keinen Abschluss in der Tasche hatte, erlangte er hier schliesslich mit einem Stipendium der Schola Cantorum Basiliensis Diplome für alte Musik und für Laute.

Weltweite Konzerttätigkeit und Engagement an der Oper Zürich
Nach seinem Studienabschluss war er als Solist häufig auf Reisen, konzertierte in kleinen Formationen und veröffentlichte zahlreiche Tonträger (LP und CD).
Nikolaus Harnoncourt, der Pionier der „historisch informierten Aufführungspraxis“, holte Hübscher als Lautenisten an die Oper Zürich, wo er beim legendären „Monteverdi-Zyklus“, der damals weltweites Aufsehen erregte, beteiligt war. Die Besetzung mit „historischen Instrumenten“ sowie die Interpretationen waren zu dieser Zeit ganz neu. Hübscher hat in der Folge die drei Opern Monteverdis sowie zahlreiche Bühnenwerke und Oratorien von G. F. Händel immer wieder mit dem Barockorchester aufgeführt, so dass mittlerweile die Zusammenarbeit mit Harnoncourt und auch mit seinem Wiener Ensemble „Concentus Musicus“ seit einem Vierteljahrhundert besteht.
Als Lauten-Solist war Jürgen Hübscher besonders häufig in den USA, vorwiegend mit Werken von J. S. Bach, anzutreffen und mit dem Countertenor Paul Esswood konzertierte er in ganz Europa, in Israel, den USA und in Nordafrika. 15 Jahre lang gab er zudem Unterricht auf historischen Lauten-und Gitarreninstrumenten an der Musikhochschule Karlsruhe.

Der Wandel
Mit der Zeit allerdings bekam der renommierte Lautenist immer mehr Mühe mit den erstarrten Präsentationsformen eines Konzertes, er sprach gerne mit dem Publikum und brachte ihm seine Musik auch auf diese Weise näher. Seit seiner Jugend interessierte ihn Musik anderer Kulturen und anderer Musiksparten und so begann er diese später intensiv zu pflegen. Nicht überall stiess er damit auf Gegenliebe – Nikolaus Harnoncourt aber ermunterte ihn stets und schätzte besonders das improvisatorische und „erzählerische“ Element in seiner Musizierweise.
An der „Universität Mozarteum“ in Salzburg hatte er bis 2012 „Aufführungspraxis alter Musik“ unterrichtet und dabei u. a. auch mit Harfenisten und Oboisten gearbeitet. Für ihn bedeutete „Unterrichten“ stets das Vermitteln einer Sprache. Nie nahm er ein Instrument mit, um etwas zu demonstrieren, sondern lehrte seine Studentinnen und Studenten mittels seiner Körpersprache, durch bildhafte Erklärungen und durch Vor- und Nachsingen. Es erstaunt nicht, dass einige seiner besten Schüler aus China und Korea kamen, weil ihre Sprachen viel mehr Nuancen im Tonfall kennen als unsere. Als engagierter Lehrer ist er zudem davon überzeugt, dass man die Musik eines Landes nur verstehen kann, wenn man die Mentalität und Kultur seiner Einwohner zumindest in den Grundzügen kennt.

Sein Lebenswerk: das Ensemble „La Volta“
40 Jahre lang unterrichtete Jürgen Hübscher ein halbes Pensum an der Musikschule Reinach. Als Gitarre-Lehrer merkte er schnell, dass auch seine Schülerinnen und Schüler Freude an verschiedenen Musikstilen hatten. So gründete er 1984 das Ensemble „La Volta“. Da er hier selbst arrangieren und er so auch seine Experimentierlust verwirklichen konnte, nahm das Ensemble im Laufe der Jahre einen immer wichtigeren Stellenwert bei seinen musikalischen Tätigkeiten ein, so dass er 1998 seine solistische Arbeit beendete.

„La Volta“ besteht seit Beginn jeweils aus sieben bis acht Schülerinnen und Schülern. Musikbegeisterung und Motivation sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine Aufnahme ins Ensemble. Unterschiedlichste Fähigkeiten und Begabungen können sich so entwickeln. „La Volta“ probt zweimal pro Woche und spielt alte und neue Musik – mit Erfolg: Bis zu 30 Konzerte weltweit gibt das Ensemble jährlich und hier hört man, wie Musikfreude klingt, wie die Instrumente ihre eigene Sprache sprechen. Einer der vielen Höhepunkte des Ensembles war der Auftritt im Mozarteum in Salzburg, wo Studierende und Fachleute den jungen Musikerinnen und Musikern mit Standing Ovations dankten. Tourneen in ganz Europa sowie in Nord- und Südamerika begeistern die „Voltaner“, wie sie ihr Gründer nennt. In 30 Jahren hatte „La Volta“ insgesamt nur 38 Mitglieder, da die jungen Musikerinnen und Musiker jeweils zwischen sechs und neun Jahre im Ensemble bleiben.

Bisher hatte keiner von ihnen danach eine Karriere als Musikerin oder Musiker eingeschlagen. Die Freude am gemeinsamen Musizieren, die sie jahrelang bei „La Volta“ erlebt hatten, könnte bei einem Musikstudium leicht verloren gehen, gab ihr Leiter stets zu bedenken. Nur solche, die eine wirkliche „Berufung“ verspürten, sollten sich professionell der Musik widmen, riet Hübscher. Unter den Ehemaligen sind Schauspieler, Lehrer, Bäcker, Juristen, Kulturmanager, Ärzte und mehr.

„La Volta“ dreht sich weiter, so lange ihr Schöpfer seine Energie dafür geben kann. Da Jürgen Hübscher selbst nicht mehr an der Musikschule unterrichtet, sucht und findet er geeignete Schüler-und Schülerinnen anderer Musiklehrer aus der ganzen Region.

Die Gemeinde Reinach ehrt ihn nun für seine langjährige ausserordentliche musikalische Tätigkeit mit dem Reinacher Preis 2013.

Medienecho: baZ_130315_Reinacher_Preis, BZ_30318_Reinacher Preis.